Eine Wertstattlehrerin erzählt
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… zu kündigen und lasse das System damit ein Stück weiter zusammen brechen.

Ich bin „einfache“ Werkstattlehrerin, Angestellte und da mir bei Eintritt ins Schulsystem drei Monate von drei Jahren in der Tätigkeit als Meisterin fehlten, bin ich eine so genannte „Nichterfüllerin“ und damit bleibe ich bis zur Rente auf E9 kleben und das mit 30 Pflichtstunden. Meine KollegenInnen haben i.d.R. 25,5 Stunden und mind. A/E 13 oder 14.
Meine Tätigkeit geht allerdings weit über den Praxisunterricht hinaus, denn ich unterrichte auch „fachfremd“ Mathematik und EDV und habe sogar drei Jahre in einer Klasse mit Fachabiturientinnen unterrichtet und „durfte“ sogar eine Fachabiprüfung einreichen und abnehmen. Dieser Unterricht hat mir Freude bereitet, ich bin dazu nicht gezwungen worden, doch Unterrichtsvor- und nachbereitung entsprechen damit teilweise der eines „normalen“ Lehrers und das wurde finanziell nicht honoriert. Meine Chefin hat es auch nicht geschafft, bei der Bezirksregierung entsprechend für mich einzustehen.
Ich bin an einem Berufskolleg und dort für drei Abteilungen alleinverantwortlich für die Zeugnisse zuständig und die größte Sorge meiner Chefin ist nun: „Wer macht jetzt die Zeugnisse?“.

All das, was ich an Kompetenzen in den bisher 16 Jahren an dem BK erworben habe, macht sich nicht auf meinem Gehaltsbogen bemerkbar. Ja, Lehrer werden nicht schlecht bezahlt und das Leben an einem BK mit der beruflichen Ausbildung der Kids, den Hospitationen und Praktikumsbesuchen ist abwechslungsreich und damit interessant und zum Glück gibt es auch wenig Elternarbeit. Doch die Arbeit außerhalb des eigenen Unterrichts (und damit meine ich nicht die Zeugniserstellung, denn die wird immerhin mit Entlastungsstunden honoriert) nimmt immer mehr zu. Ich habe mich den Konferenzbeschlüssen zu beugen, die für unterschiedliche Abteilungen auch noch unterschiedlich ausfallen, soll aktiv und intensiv an der didaktischen Jahresplanung arbeiten und bitte auch regelmäßig ein Feedback einholen, denn so will es die QA. Dank fehlender guter Kommunikationsstrukturen ist die Absprache unter den KollegInnen schwierig und damit bleibt so einiges an Kommunikation auf der Strecke, zu Lasten von uns und auch zu Lasten von guter Arbeit mit den SuS.
Von dem maroden Schulgebäude, der Technik, die nie so richtig funktioniert, Schülertoiletten, die schon 10 Meter vor der Tür stark riechen, mal ganz zu schweigen, denn das scheint Standard in Deutschland zu sein.

Das wäre ja einigermaßen zu ertragen, wenn ich nicht immer mehr den Eindruck gewinnen würde, dass das System Schule nicht mehr in diese Zeit passt und es auch keinen wirklichen Willen gibt, dies zu ändern. Überall ist die Rede von lösungsorientiertem Denken und Handeln, doch jede Klausur, die ich durchsehe und mit Punkten bewerte ist letztendlich am Defizit bemessen. Auch wenn es Punkte für richtig gelöste Aufgaben und die korrekten Antworten gibt, liegt der Fokus auf dem, was nicht ist.
Überhaupt liegt der Fokus in Schule auf dem rein faktischen Wissen und weniger auf dem Menschen. Die Kids bekommen nicht beigebracht, wie sie auf sich selber achten können, sich selber überhaupt achten können und dabei ist Achtsamkeit doch gerade das Thema in der Gesellschaft. Persönlichkeitsbildung passiert nur am Rande und das, was dann da gebildet wird, ist unbefriedigend.

Ich möchte jetzt auf mich achten und mich nicht in die Reihe der KollegInnen einreihen, die krank werden und den Dienst quittieren müssen. Daher habe ich gekündigt, ohne zu wissen, wie genau es danach weiter geht und ohne einen Partner zu haben, der mich finanziell unterstützen kann. Meine Werte Respekt und Freiheit kann ich an Schule nicht mehr leben, so sehr ich mich auch darum bemüht habe.
Letztes Jahr habe ich eine Ausbildung zur Mediatorin und Coach gemacht, werde demnächst eine weitere zur Hypno-Coach machen. Ich möchte weiter mit Menschen arbeiten, sie weiter bringen und hoffe, davon auch leben zu können.

Ich lasse das System Schule weiter zusammen brechen, bevor es mich komplett bricht. Die Stimmung in unserem Kollegium ist unter den Ü50 KollegInnen desillusioniert und sie finden meinen Schritt mutig und würden ihn gerne selber gehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen den KollegInnen gegenüber, denen ich meine Arbeit überlasse, doch es dient letztendlich keinem, wenn ich auch zusammen breche.

Ich möchte den Menschen helfen so zu leben, wie es jeder von uns verdient hat, nämlich seinem Herzen folgen zu können. Da fange ich bei mir an, so wie es Victoria auch getan hat.
Danke für Deine Texte, die mir am Anfang den Mut gegeben haben, mein Denken und meine Zweifel als das zu sehen, was sie sind, nämlich richtig.

Hallo, ich bin Victoria. Eine freiheitsliebende Frau, die am Tag der iranischen Revolution die Welt erblickte. Abenteuerlust und die große Liebe zur Freiheit prägen mein Leben.

Somit verstehst Du sicherlich gut, weshalb ich mich nicht in das Korsett des Beamtensystems "hineinquetschen" wollte.

So kündigte ich 2mal als auf Lebenszeit verbeamtete Lehrerin nachdem ich an 5 Schulen in drei Bundesländern mit Funktionsstellen und Co gearbeitet hatte. Und das trotz einer chronischen Krankheit und keinen Menschen, der meine Miete zahlt.

Nun unterstütze ich seit Jahren erfolgreich Lehrer und Beamte dabei ihre erfüllende Berufsalternative zu finden und souverän zu kündigen. Und wann starten wir Deine spannende Reise in Richtung Freiheit?

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